Platz für Kinder

Wer ein Mehrfamilienhaus errichtet, sollte damit rechnen, dass er einen Kinderspielplatz einplanen muss. Das hängt wohl von den jeweiligen Landesgesetzen ab bzw. von den Vorschriften in einer Kommune. Bei uns war es auf jeden Fall so, und es hieß auch, dass wir eine bestimmte Anzahl an Spielgeräten aufstellen müssen. 

Wir staunen immer wieder, wenn wir in der Umgebung auf dem Gelände von Mehrfamilienhäusern eines dieser kleinen Schaukelgeräte stehen sehen - Ihr wisst, was ich meine. Diese schlichten Sitze auf Federn, mit denen man maximal hin und her wippen kann. Keine Ahnung, ob das der Erfüllung dieser oben genannten Vorgaben dient.

Bei uns wurde die Frage in der Bauphase heiß diskutiert. Wir wollten unseren Kleinsten natürlich einen Sandkasten bieten, und den möglichst nicht im Miniaturformat, sondern so groß, dass man darin wirklich buddeln kann. Sodann hatte jemand die Möglichkeit, an eine Schaukel zu kommen, da waren auch die Großen begeistert, von denen so manch einer immer noch gerne schaukelt. 

Beides haben wir heute, dazu noch, auch ein Spielzeug vor allem für Erwachsene, eine Art Wasserlauf, bei dem Wasser aus unserem Brunnen einen ausgehöhlten Baumstamm hinunterläuft, wenn man den Druckknopf am oberen Ende betätigt. 

Allerdings verblassen all die "Geräte" vor dem Hintergrund des einzig wahren Angebots: Es gibt einen Hügel, der in der Bauphase entstand und von dem wir sofort wussten, dass er bleiben sollte. Dieser Hügel verändert seine Form regelmäßig. Unsere Kinder graben Löcher hinein, beharken ihn mit ihren Gartengeräten, stürmen hinauf, rollen sich herunter, verstecken sich hinter ihm oder sitzen einfach nur auf dem Gipfel und schauen in die Landschaft. Wenn uns heute jemand nach dem besten Spielgerät für einen Spielplatz fragt, so lautet die Antwort: Ein Hügel aus Erde. 



Entspannt

Ich liebe diese Atmosphäre am Abend, wenn es noch so warm ist, dass man draußen auf der Terrasse sitzen kann, hinter den Obstbäumen die Sonne untergeht und etliche Mitbewohner auf ihren Balkonen sitzen oder die Türen zu ihren Wohnungen offen stehen. Ganz am Anfang unseres Zusammenlebens habe ich die Situation mit der eines Campingplatzes verglichen, wo die Menschen vor ihren Wohnwagen sitzen, sich zuwinken, mit einem Getränk in der Hand über den Platz schlendern und ins Plaudern geraten.

Aber es ist doch etwas anders. Es ist ruhiger, noch entspannter. Hier und da dringen Gesprächsbrocken aus den offenen Wohnungen, manchmal leises Gelächter. Auf einem Balkon, auf dem alle möglichen Pflanzen aus zahllosen Gefäßen sprießen, gießt ein Nachbar seine Töpfe und Kästen. Über ihm sitzt ein anderer und schaut nach Westen, genießt wohl den Sonnenuntergang. Die Familie daneben hat offenbar Besuch und deckt den Tisch, während ihnen die Kinder zwischen den Füßen herumlaufen. 

Auf der Mauer unsere Sitzplatzes hockt eine Katze, völlig unbeeindruckt von unserem Hund, der auf der Wiese leise vor sich hin schnarcht. Mein direkter Nachbar läuft zum Wasserhahn und füllt zwei Gießkannen. Zwei Wohnungen weiter steht die Tür auf, und gegenüber sitzt eine Nachbarin hinter Blumenkübeln versteckt in ein Buch vertieft. 

Wir haben das Glück, dass gleich hinter unserem Grundstück eine Wildwiese liegt, eine Bebauung ist wohl ausgeschlossen. Das gibt einem das Gefühl von ganz viel Raum, lediglich die Hundebesitzer, die hinter unseren Spielplatz entlang wandern, unterbrechen das Bild. 

Es geht tatsächlich gelassener zu als auf einem Campingplatz zumindest erscheint es mir so. Man hört an diesen Abenden nur selten Menschen laut miteinander diskutieren und gar feiern. Die Kinder haben den Garten verlassen, keine Fußballspiele, keine Wasserpistolenschlachten, kein Buddeln auf dem Hügel neben dem Spielplatz mehr. Feierabendatmosphäre. 

So kann man auf seiner Terrasse sitzen und sich darüber freuen, an einem ganz besonderen Ort zu leben.



Hausordnung

Die Anfrage kam von einem anderen Wohnprojekt. "Wie sieht eure Hausordnung aus? Wir stehen kurz vor dem Einzug und überlegen, bestimmte Dinge jetzt schon festzulegen, bevor es Schwierigkeiten gibt. Meine Gruppe beschäftigt sich deshalb mit dem Entwurf einer Hausordnung, kommen aber nicht so recht weiter. Könnten wir vielleicht sogar eure Hausordnung bekommen?"

Konnten sie nicht, denn - wir haben keine Hausordnung. Zumindest gibt es kein Dokument, das diesen Namen trägt. "Aha", wird man da denken, "Ihr habt also doch eine Ordnung, nur steht sie nirgends geschrieben." Nein, stimmt so auch nicht. Oder nur zum Teil. Man merkt, es ist kompliziert mit den Ordnungen.

Hausordnungen enthalten Regeln des Zusammenlebens. Wer was wo darf beziehungsweise nicht darf. Es geht um Gebote und Verbote. Und in der Tat gibt es beides in dieser Form bei uns nicht. "Aber Ihr werdet auch bestimmte Regeln haben, die einzuhalten sind, oder?" Richtig, es gibt so etwas wie Regeln, wobei ich auch bei diesem Begriff vorsichtig bin. Regeln führen dazu, dass beim Übertreten derselbigen nach Konsequenzen gerufen wird. Kennen wir von unseren Kindern, oder? "Mama, der Leo hat in den Pool gepinkelt, das darf der nicht!" Wenn Mama jetzt nicht reagiert, heißt das Signal: Aha, die Regel ist eigentlich doch nicht so ernst gemeint. Will sagen: Regeln führen leider auch dazu, dass es zum "Anschwärzen" kommt. Was den Hausfrieden nachhaltig stört.

Deshalb würde ich bei uns eher von Empfehlungen sprechen. Zum Beispiel Empfehlungen zum Verhalten im Konfliktfall. Oder Empfehlungen zur Nutzung der Gemeinschaftsflächen. "Wo ist denn da der Unterschied?" könnten Sie fragen. "In beiden Fällen muss man doch reagieren, wenn sich jemand nicht an die Empfehlungen hält."

Mag sein, aber die etwas "sanftere" Umschreibung führt dazu, dass man nicht gleich auf die Regeln verweist, sondern eher das Gespräch über Lösungen sucht. Zumindest ist das mein Eindruck. Wenn jemand zum Beispiel eine große Kiste für die Auflagen der Gartenmöbel auf die Gemeinschaftsfläche stellt, ohne vorher die Gruppe zu fragen, ob das okay sei, denn ist das ein Verstoß gegen die Empfehlung zur Nutzung der Gemeinschaftsflächen. 

Es gibt in einem solchen Fall auch bei uns immer jemanden, den das stört und es zum Thema macht. Bevorzugt erst einmal mit dem Betreffenden selbst, und wenn das zu keiner Einigung führt, auch in der jeweiligen Gruppe oder sogar in der Gesamtgruppe. Und ja, dabei geht es dann auch um das Verständnis der "Regel" und den Umgang mit ihr, aber vor allem um die Lösung für das Problem, das der Verursacher hat, also z.B. keinen Platz für seine Gartenmöbel-Auflagen.

Wo denn diese Empfehlungen festgehalten werden? Tatsächlich finden sie sich in der Regel in irgendeinem Protokoll eines Treffens, bei dem sie als Reaktion auf ein Problem entstanden sind. Und da liegen sie dann schön formuliert herum, bis erneut ein Problem auftritt. Dann sagt jemand: "Hatten wir nicht mal geklärt, wie wir das handhaben wollen?" Oder er sucht die Stelle heraus und hält sie dem anderen unter die Nase. 

Im Falle der Empfehlungen zum Umgang mit Konflikten sind wir tatsächlich weiter gegangen und haben sie an verschiedenen Stellen ausgehängt. Als Prophylaxe. Oder Gedächtnisstütze. Was übrigens erst nach einer längeren Diskussion erfolgte. Auch übrigens eine interessante Geschichte.

Kommunikation ist der Schlüssel

Heute am alten Elbtunnel. Eine Sicherheitskraft spricht einen Touristen, der im Aufzug die Maske abgenommen hat, an, am Ende beschimpfen sich beide lautstark. Ich höre zwei Sätze: "Ich habe wie jeder hier das Recht, in vernünftigem Ton angesprochen zu werden!" und "Ich habe Sie auf die Regeln hingewiesen und Sie sind sofort aggressiv geworden!" Der Rest sind Wiederholungen der beiden Aussagen, die sich nur graduell unterscheiden.

Was das mit nachbarschaftlichem Wohnen zu tun hat? Wann immer Menschen aufeinandertreffen und miteinander kommunizieren, ist das Risiko extrem hoch, dass die Kommunikation misslingt. Im Grunde ist es bemerkenswert, dass sie überhaupt funktioniert. Denn das Problem jeder Kommunikation ist, dass wir in der Regel davon ausgehen, dass das, was wir verstanden haben, genau das ist, was der andere gemeint hat. Daher vergewissern wir uns auch nur ganz selten, ob das von uns Verstandene wirklich das Gemeinte ist. Witziger Weise meist bei ganz schlichten Dingen wie zum Beispiel beim  Buchstabieren eines Namens. Da gehen wir auf Nummer sicher und wiederholen die Buchstabenfolge. Ober bei einer Telefon-Nummer. Wobei Zahlen alles andere als schwer zu verstehen sind und hinter dem Äußern einer Zahl selten mehr Absicht steckt als - na eben diese Zahl, und sonst nichts.

Aber schon bei ein wenig komplexeren Dingen hinterfragen wir das Verstandene selten. "Das Treppenhaus sieht ziemlich verdreckt aus." Wäre ja auch seltsam, wenn der Gesprächspartner dann antwortet: "Um sicher zu gehen, dass ich dich richtig verstanden habe, wiederhole ich mal: Du findest das Treppenhaus ziemlich schmutzig." Also kommt dann eher: "Ich kann mich nicht um alles kümmern." Oder: "Kein Wunder, wenn man die Kinder mit Dreckklumpen an den Schuhen da rauf und runter rennen lässt." Spätestens jetzt könnte man damit anfangen zu hinterfragen, worum es dem anderen eigentlich geht. Also die Frage nach dem Grund und dem Zweck des Satzes stellen: "Oh, du hast verstanden, dass ich dich dafür verantwortlich mache und fühlst dich ungerecht behandelt?"  Oder: "Du meinst, das liegt vor allen an den Kindern und siehst deren Eltern in der Verantwortung, hier für Abhilfe zu sorgen?"

Würde jemand tatsächlich so reagieren, könnte man ab diesem Moment anfangen, eine gemeinsame Wahrnehmung zu konstruieren. Nehmen wir die Sicherheitskraft am alten Elbtunnel. Sie spricht den Touristen an: "Im Aufzug gilt die Maskenpflicht, das können Sie auf den Schilden lesen. Setzen Sie die Maske bitte korrekt auf." Antwort: "Das ist mal wieder typische Schikane gegen Ausländer. Ich habe sie nur kurz abgesetzt, um Luft holen, es ist total stickig in dem Aufzug." Wäre die Sicherheitskraft wie die Servicekraft in der Telefonzentrale geschult, würde sie antworten: "Habe ich das richtig verstanden: Sie fühlen sich zu Unrecht beschuldigt, weil Sie bereit sind, die Maske zu tragen, sie aber nur kurz abgesetzt haben, weil Sie schlecht Luft bekommen haben?"

Schwups, wäre der Ärger weg, ein gegenseitiges Anbrüllen überflüssig. In unserem Projekt sind wir noch weit davon entfernt, in kniffligen Situationen so zu reagieren, dass wir grundsätzlich erst mal klären, was wir verstanden haben und ob wir damit richtig liegen. Und es gelingt auch noch längst nicht, dass wir immer dann, wenn wir uns über einen Nachbarn ärgern, diesen direkt ansprechen. Was ja die Voraussetzung dafür ist, überhaupt verstehen zu können, worum es dem anderen geht. Was ich aber schon beobachte: Wenn es knirscht in der Nachbarschaft, dann ist der direkte Weg zum anderen immer häufiger der erste Schritt. Was der erste Schritt zu einer gelingenden Kommunikation ist.

Intelligenz der Gruppe

Kürzlich wieder erlebt. Ich moderiere das Treffen einer größeren Gruppe, die mir vorab einige Themen genannt hatte. Dabei äußerten sich die Vertreter der Gruppe besorgt, dass es vor allem bei einem Thema sehr schwierig werden würde, eine Lösung zu finden. Zu unterschiedlich seien die Auffassungen einiger Mitglieder, und gleichzeitig sei es für den weiteren Prozess eminent wichtig, eine Lösung zu finden. 

So wie mir das Problem beschrieben wurde, erschien es auch mir alles andere als trivial. Ich hatte eine Idee zum Vorgehen, die ich auch dem Vorbereitungsteam vorschlug. "Machbar", lautete die Reaktion, aber das würde, so wie man die Gruppe bisher erlebt hätte, nicht zur Lösung führen. Die Skepsis war groß. 

Und tatsächlich verlief die Diskussion schleppend, für alle Beteiligten anstrengend. Ich ließ mich nicht beirren und blieb bei meinem Fahrplan, der immerhin dazu führte, dass am Ende der Diskussion die verschiedenen Ansichten transparent waren. Es gab keine offenen Fragen mehr, die Voraussetzungen für eine Entscheidung waren geklärt. Aber die Lösung schien noch weit. 

Wir hatten den Ablauf so geplant, dass zu diesem Zeitpunkt eine längere Pause vorgesehen war. Und ich hatte in meinem Kopf eine Lösung parat, aber hielt mich bewusst zurück. Zu oft habe ich erlebt, dass man als Berater zwar geholt wird, um Lösungen zu erarbeiten, aber die von außen eingebrachten Vorschäge keineswegs immer die zur Gruppe passenden sind. 

In der Pause geschah genau das, was ich ich als nächstes vorgeschlagen hätte. Man diskutierte untereinander, ohne Moderator, ohne Fahrplan, ohne vorgegebene Methodik. Und als sich die ganze Gruppe wieder traf, präsentierten einige Mitglieder die Lösung. Zwar mussten anschließend noch einige Bedenken ausgeräumt werden, aber das Ergebnis stand fest. Dass es genau die Lösung war, die mir vorgeschwebt hatte, ist nicht das Entscheidende. Es hätte jede andere sein können, Hauptsache, sie kam aus der Gruppe selbst. Diese findet in der Regel die Lösung, die für sie am besten ist.

Ich bezeichne dieses Phänomen gerne als "Intelligenz der Gruppe", in die man als Moderator grenzenloses Vertrauen haben sollte. Das ist nicht immer leicht, aber die Voraussetzung, um geduldig zu bleiben, vor allem dann nicht, wenn sich der Diskussionsprozess hinzieht. 

Was es natürlich auch braucht, ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten als Moderator. Die Erfahrung, aus der man die Gewissheit zieht, dass man zum richtigen Zeitpunkt mit der passenden Intervention der Gruppe hilft, sich der Lösung zu nähern. Das kann manchmal eine einfache Frage sein, die für einen Perspektivenwechsel sorgt. Das kann eine Geschichte, eine Metapher, ein Erlebns aus einem anderen Zusammenhang sein. Oder auch nur die Aufforderung eine "Denkpause" einzulegen. 

So wie ich schon häufiger erlebt habe, dass die Lösung für mich auf der Hand lag, aber es etwas dauerte, bis die Gruppe sie für sich entdecken konnte, so haben ich auch schon Situationen gehabt, wo ich beim besten Willen keinen eigenen Lösungsansatz hätte präsentieren können und dann einer aus der Gruppe kam, der mir selbst nie eingefallen wäre. So oder so - es lohnt sich, auf die Intelligenz der Gruppe zu vertrauen.